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Call for Papers | Performanzen digitaler Autor:innenschaft. Praktiken und Politiken

Workshop, 10.-11. November 2022

Deadline: 01. Dezember 2021

News from Sep 20, 2021

Planung und Organisation: Michael Gamper, Paul Wolff (EXC 2020/Freie Universität Berlin)

Eine Veranstaltung des Projekts „Konzepte und Praktiken digitaler Autorschaft“, EXC 2020 Temporal Communities

Unter den medialen Bedingungen des digitalen Zeitalters rücken Autor und Autorin auf neue Weise in den Fokus der literarischen Öffentlichkeit. Die Sozialen Medien haben neue Räume zur Inszenierung von Autor:innenschaft eröffnet sowie autofiktionale Schreibweisen begünstigt, die sich u.a. durch Authentizitätsmarker und intime Einblicke dezidiert auf die Person ihrer Urheber:innen beziehen. Überdies hat die pandemiebedingte Verlegung von Lesungen, Festivals und Podiumsgesprächen in Livestreams, Zoom-Konferenzen und auf digitale Plattformen wie YouTube und Twitch Autor:innen zuletzt mit neuen Möglichkeiten und Anforderungen konfrontiert, sich und ihre Literatur zu präsentieren. Stimme, Körper und Habitus und deren Verortung im Spektrum von race, class, gender und ableness werden dabei nicht getilgt, wie in der Anfangszeit des Internets häufig angenommen, sondern digital remediatisiert und auf vielfältige Weise in die Konstruktion von Autor:innenpersonae einbezogen. Wollen sie erfolgreich sein, müssen Autor:innen mithin zunehmend auch (sich selbst) performen.

Mit der Abkehr vom Buch als exklusivem Publikationsmedium von Literatur zugunsten diverser, zeitlich ausgedehnter Veröffentlichungspraktiken, wie sie in den Sozialen Medien auftreten, wird schließlich auch die traditionelle Abgrenzung von Text, Paratext und Performance sowie zwischen inner- und außerliterarischer Autor:inneninszenierung durchlässig. Im kontinuierlichen Posten auf Instagram, Twitter und Facebook verschmelzen mitunter nicht nur „Schreiben, Lesen und Publizieren“ (Christiane Frohmann), sondern auch Werk und Autor:in. Beide werden Teil einer fortwährenden Performance, die unablässig neue Versionen von Werk und öffentlicher Persona hervorbringt. Insbesondere auf der Plattform Instagram erlangten Autor:innen wie Rupi Kaur durch Adaption typischer Influencer-Strategien gar den Status von „Internet Celebrities“ (Crystal Abidin), deren Personae i.d.R. mindestens genauso viel Aufmerksamkeit erfahren wie ihr Werk. Besondere Beachtung verdient dabei freilich, dass Texte aus solchen dynamischen, performativen Kontexten nachträglich oft dennoch als Buch publiziert und gleichsam in Werkform stillgestellt werden, wobei Verlage wie Frohmann oder mikrotext einen erheblichen Anteil an der Überführung von digitaler in traditionelle Buch-Autor:innenschaft haben.

Performanz verstehen wir in diesen Zusammenhängen nicht als singulären, intentionalen Akt, der sich auf ein souveränes Subjekt zurückführen ließe. Es geht vielmehr um iterierbare Praktiken, die in institutionelle, diskursive und technische Rahmenbedingungen eingebettet sind. Als kulturell codierte Performance unterliegt digitale Autor:innenschaft immer auch den Performanzen ubiquitärer digitaler Infrastrukturen, Algorithmen und Devices, die menschliches Handeln beeinflussen und ermöglichen, aber auch spezifischen Restriktionen unterwerfen (vgl. Leeker, Performing the Digital). Dies betrifft nicht zuletzt die medialen Subjektivierungsbedingungen der digitalisierten Gesellschaft und die entsprechenden Entwürfe und Konfigurationen der „Subjektform Autor“ (Koyra).

Während die von Bourdieu ausgehende Forschung zur Autorinszenierung Autor:innen überwiegend in ökonomischen Kontexten verortete, also in einem Wettkampf um Aufmerksamkeit und kulturelles Kapital, fokussiert unser Workshop zudem politische Implikationen und Funktionen digitaler Autor:innenschaft. Neben identitätspolitischen Fragen der Repräsentation („Wer spricht?“) interessieren uns dabei auch die politischen Praktiken digitaler Autor:innenschaft wie u.a. 1. die Etablierung und Ausübung klassischer Konzepte von personengebundener Autorität und auktorialem Charisma auf digitalen Plattformen, aber auch 2. Verfahren namentlicher Invisibilisierung, auktorialer Unkenntlichmachung und Pseudonymisierung, mittels derer sich Forderungen nach Verantwortung und Rechenschaftspflicht, aber auch Stigmatisierung und Diskriminierung von gesellschaftlichen Minoritäten umgehen lassen, sowie 3. Verfahren der Kollektivierung, die eine Zurechenbarkeit individueller Autorschaft zwar unterlaufen, meist aber gleichwohl spezifischen Strategien der Inszenierung unterliegen. Der Workshop fragt mithin ebenso nach Strategien auktorialer Singularisierung und Distinktion wie nach Prozessen der Kollektivierung und der Gemeinschaftsbildung. Anhand konkreter Fallstudien sollen sowohl die Erzeugung von Sichtbarkeit für Autor:innen als auch diverse Strategien der Kritik, des Entzugs und der „non-performance“ (Legacy Russel) thematisiert werden.

Neben den poetischen, ästhetischen und epistemischen Bedingungen des Digitalen interessiert uns dabei nicht zuletzt der Rückbezug auf prädigitale Autorschaftskonzepte: Inwiefern werden etablierte Strategien und Typen der Autorschaftsinszenierung (engagierter Schriftsteller, Gelehrter, public intellectual, Sonderling) aufgegriffen, modifiziert oder durch welche neue Modelle und Ideale öffentlicher Autor:innenschaft ersetzt? Welche prädigitalen Strategien kritischer Intervention, z.B. aus Performancekunst und Aktivismus, werden aufgegriffen und wie beziehen diese sich auf die veränderten technischen, diskursiven, ökonomischen und sozialen Bedingungen einer „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder)?

Wir freuen uns über Vorschläge für 45-minütige Vorträge zu diesen Fragestellungen. Kurze Exposés von ca. 300 Wörtern werden bis zum 1. Dezember 2021 per Mail an Michael Gamper (michael.gamper@fu-berlin.de) und Paul Wolff (paul.wolff@fu-berlin.de) erbeten. Reise- und Unterkunftskosten der Vortragenden werden von der FU Berlin übernommen.

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