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Jahrestagung der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien | Philonikía. Ambivalenzen des Gewinnens und Verlierens in der Literatur

Nov 13, 2026
Poster | Philonikía. Ambivalenzen des Gewinnens und Verlierens in der Literatur

Poster | Philonikía. Ambivalenzen des Gewinnens und Verlierens in der Literatur
Image Credit: © Hanna Zeckau

Veranstaltung der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien (FSGS) mit Unterstützung durch den EXC 2020. Organisiert von Cédric Affognon, Michelle Castro, Roxanne Mahboubi, Cheshta Rajora, Achata Sékongo, Messamory Traoré (Freie Universität Berlin/FSGS). 

Die im Louvre ausgestellte Skulptur der Nike von Samothrake gilt als eine der bekanntesten Darstellungen des Sieges: triumphal, kraftvoll, monumental – und zugleich fragmentiert, kopflos. Diese Siegesfigur bezieht ihre ikonische Kraft jedoch gerade aus dieser Beschädigung; Triumph und Verlust sind hier untrennbar verschränkt. Eine vergleichbare Ambivalenz ist im griechischen Begriff philonikía (phílos, „Liebe“ und níke, „Sieg“) angelegt, sofern er einerseits die „Liebe zum Siegen“, andererseits zugleich die maßlose „Siegessucht“ mit zerstörerischen Folgen benennt – auch für die Siegenden selbst. Von diesem Spannungsverhältnis ausgehend widmet sich die diesjährige Jahrestagung der Friedrich Schlegel Graduiertenschule literarischen Figurationen, in denen ‚Gewinnen‘ und ‚Verlieren‘ keinen stabilen Gegensatz bilden, sondern als relationale, historisch variable und kritikwürdige Kategorien reflektiert werden.

Epochenübergreifend – von der Antike bis zur Moderne und Gegenwart – zeichnet die Literatur ein ambivalentes Bild von ‚Gewinnen und Verlieren‘. Seit jeher bilden ‚Sieg‘ und ‚Niederlage‘ zentrale literarische Topoi: Epen, Tragödien, Dramen und Romane greifen vielfach auf agonale Modelle zurück – etwa Wettkampf, Krieg, Konkurrenz oder Leistung –, innerhalb derer Erfolg und Scheitern zunächst klar unterscheidbar erscheinen. Zugleich zeigt sich in der Literaturgeschichte früh, dass diese Opposition so nicht immer haltbar ist. Bereits die antike Tragödie entwirft Konstellationen vorläufiger, trügerischer oder ambivalenter Siege, in denen der Triumph moralisch, politisch oder existenziell problematisch wird oder in sein Gegenteil umschlägt: Pyrrhussiege, die hamartía tragischer Helden oder Texte, die konsequent aus der Perspektive der ‚Verlierer*innen‘ erzählen, suspendieren die binäre Logik von Erfolg und Misserfolg.

Seit der Moderne zeigt sich die Dialektik von Gewinnen und Verlieren, Scheitern und Selbstbehauptung nicht mehr nur als literarisches Motiv, sondern auch als ästhetische Kategorie und als Formprinzip. Texte unterlaufen den Anspruch auf Ganzheit sowie Sinn- und Handlungskohärenz, befragen das ‚Gelingen‘ ihrer Form und exponieren sich als fragmentarisch, unabschließbar und prekär. In der Gegenwart spitzt sich dies noch einmal zu, insofern sich die Kategorie des Scheiterns gerade als produktives Moment zeigt: Antiheld*innen, postagonale Narrative und Poetiken des Misslingens oder Unvermögens reagieren auf eine gesellschaftliche Realität, in der Erfolg zunehmend ökonomisch konnotiert ist. Literatur wird hier zu einem Raum des kalkulierten Nicht-Gelingens – und damit zu einem Medium kritischer Reflexion, an dem Leistungs-, Fortschritts- und Optimierungsdogmata befragt werden.

Vor diesem Hintergrund richtet die Jahrestagung den Fokus auf folgende Fragen: Inwiefern werden agonale Modelle – Wettkampf, Krieg, Konkurrenz, Leistung – literarisch im Hinblick auf ihren moralischen Status reflektiert oder suspendiert? Inwiefern reflektiert die Literatur das spannungsreiche Verhältnis von ‚Gewinnen‘ und ‚Verlieren‘ nicht nur auf der Ebene von Handlung, Figurenkonstellation oder Werteordnungen, sondern auch im Medium ihrer eigenen Form – etwa als Formgewinn und Formverlust/Formoffenheit? ‚Gewinnt‘ Literatur gerade dort ästhetischen Wert, wo Figuren scheitern und Verlieren produktiv wird? Welche Erzählformen, Perspektiven und Gattungen ermöglichen es, dem Verlieren Sinn, Würde oder Erkenntniswert zuzuschreiben?

(FSGS)

Programm

ACHTUNG! Der Vortrag von Frau Dr. Allerkamp (12:30–13:15 Uhr) fällt aus. Prof. Dr. Michael Auer wird stattdessen einen Vortrag halten. Freitag, 13.11.2026

9:45 | Ankunft und Kaffee

10:00 | Jutta Müller Tamm und Team der Jahrestagung: Begrüßung

10:30 | Andreas Gelz (Universität Freiburg): Zwischen Sieg und Niederlage: Französische Sportliteratur im 20. und 21. Jahrhundert 

Moderation: Michelle Marú Castro (Freie Universität Berlin)

11:30 | Kaffeepause

11:45 | PANEL 1: Geltung gewinnen. Spielarten von Triumph und Selbstbehauptung

Claude Haas (ZfL Berlin): „Dem Fürsten Piccolomini!“. Aufsteiger in der Tragödie

Michael Auer (Freie Universität Berlin): Triumph und Translatio. Daniel Casper von Lohensteins 'Sophonisbe' 

Moderation: Roxanne Mahboubi

13:15 | Mittagspause

14:30 | Oleg Gubetskov (Freie Universität Berlin): „... diesen Schmerz genutzt und geschrieben“: Poetiken des Gewinnens und Verlierens in Prischwins Tagebüchern

Moderation: Messamory Traore

15:15 | Kaffeepause

15:30 | PANEL 2: Verlust erzählen: Zwischen Archiv und Gegenüberlieferung

Liza Wyludda (Freie Universität Berlin): Doing Loss. Wiedergewinnen des Verlorenen in Judith Schalanskys Verzeichnis einiger Verluste

Melina Brüggemann (Freie Universität Berlin): „a lose-lose situation“ – Saidiya Hartmans Geschichte(n) des Verlusts

Moderation: Cédric Affognon

17:00 |  Abendempfang

18:15 | Heike Geißler (Autorin): Lesung und Gespräch 

Moderation: Roxanne Mahboubi


Time & Location

Nov 13, 2026

Freie Universität Berlin
Villa Engler
Altensteinstraße 2
14195 Berlin

Further Information

Die maximale Teilnehmerzahl ist auf 65 Personen begrenzt. Es wird um eine Anmeldung gebeten.

Weitere Informationen: Florence Sevsay, office@fsgs.fu-berlin.de.