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A Dialogue from Time to Time

Audio-Reihe

Übersetzen im Gespräch | Translation talks

Schon die Begründung der modernen Übersetzungstheorie durch Friedrich Schleiermacher geht von der Beobachtung aus, dass bereits in alltäglichen Sprechsituationen eine Kunst des Verstehens gefordert und am Werk ist, im einfachsten Gespräch, "auf dem Markt und in den Straßen …, auch in manchen Gesellschaftskreisen, wo ... die Rede regelmäßig wie ein Ball abgefangen und wiedergegeben wird" (Schleiermacher: 1977, 247). Wo die Worte nicht mehr derart leicht hin und her fliegen, setzt auch das Übersetzen ein: zuhause.

Entsprechend bietet die Feature-Reihe des Projekts A Dialogue from Time to Time/Dialog von Zeit zu Zeit am EXC "Temporal Communities" Raum und Zeit für klassische Werkstattgespräche zwischen Autor:innen und Übersetzer:innen. In ihren in loser Folge erscheinenden Beiträgen lädt sie zu Reflexionen über das Sprechen und Schreiben in mehreren Sprachen ein. Dabei kann die ganze Bandbreite des Formats ausgemessen und erprobt werden: Im Selbstgespräch, im Dialog oder auch im Interview sollen gleichermaßen die Mehrsprachigkeit literarischen Schreibens, die Bewegungen zwischen den Sprachen und Praktiken der Hybridisierung erfahrbar werden.

Jede Audio-Einheit misst etwa 20 bis 30 Minuten, an ihrem Beginn steht immer die mehrsprachige Lesung, dann folgen Kommentare und (Selbst-)Reflexionen. Die vorgetragenen literarischen Texte sollen dabei auch visualisiert werden, um die oft untrennbare Einheit von Schriftgebilde und Laut wahrnehmbar zu machen; Transkripte der gesprochenen Kommentar-Texte können auf Wunsch zum Nachlesen zur Verfügung gestellt werden (Kontakt: Felicitas Pfuhl, felicitas.pfuhl@fu-berlin).

Cornelia Ortlieb

Folge I: Stéphane Mallarmés 'Vers de circonstance' in deutscher Übersetzung

Der erste Beitrag der Reihe stellt ein kollaboratives Übersetzungsvorhaben des DFG-Forschungsprojekts Artefakte der Avantgarden 1885-2015 vor: Die fünf Übersetzerinnen Christin Krüger, Cornelia Ortlieb, Kristin Sauer, Katherina Scholz und Vera Vogel übertragen, je für sich und gemeinsam, insgesamt 482 Gedichte Stéphane Mallarmés vom Französischen ins Deutsche. Sie präsentieren hier jeweils zwei Gedichte samt Übersetzung und sprechen je unmittelbar im Anschluss über ihre Arbeit an diesen Versen.

Übersetzen im Gespräch | Folge I

  • Kristin Sauer mit:
    Un rossignol aux bosquets miens / Die Nachtigall bei mir im Wald

    Toi qui soulages ta tripe /
    Du, der du deinen Darm verwöhnst

  • Katherina Scholz mit:
    Le Faune rêverait hymen / Der Faun erträumte Hymen

    Ami, bois ce jus de pomme / Freund, trink von diesem Apfelsaft

  • Cornelia Ortlieb mit:
    Spirituellement au fin / Voller Geist noch tief im Innern

    Palpite, Aile, mais n’arrête / Schlag, Flügel, aber ohne Halt
  • Vera Vogel mit
    A moins qu’il ne hante la nue / Wenn er nicht zur Nacktwolke eilt

    Vers brûlants et sages proses / Verse feurig, keusche Prosa
  • Christin Krüger mit:
    Leur lévrier industrieux / Ihr Windhund, alert in der Bö …

    Pierre ne va pas, zélée / Stein im Eifer sei doch nicht …

Mallarmé (1842–1898) hat als Dichter, Übersetzer und Visionär der Avantgarde-Künste ein vielgestaltiges Werk hinterlassen, das teils zumindest im deutschsprachigen Raum noch nahezu unbekannt ist. Dazu gehört die hier übersetzte Buchausgabe der Vers de circonstance/Verse unter Umständen, 1920 in Paris herausgegeben von seiner Tochter Geneviève und deren Ehemann Edmond Bonniot. Die Gedichte in meist vier Versen, mit typischerweise acht Silben waren einst auf ihrerseits ‚sprechende‘ Gegenstände geschrieben, darunter Briefumschläge, Visitenkarten, gefaltete Papierfächer, Photographien, Ostereier und Kieselsteine und sind durchgehend anderen Personen gewidmet, die typischerweise auch namentlich genannt sind. Häufig scherzhaft, galant oder freundschaftlich-neckend spielen viele Verse auf Eigenheiten, Gewohnheiten oder Verhältnisse ihrer Adressatinnen und Adressaten an. Zur Besonderheit dieser Dichtung gehört so auch ihre Verankerung in Szenen des geselligen Lebens und entsprechend ritualisierten Praktiken und Umgangsformen, die wiederum ältere poetische Traditionen zitieren und diese für die Salons, den Künstlerfreundeskreis Mallarmés und den literarischen Markt in Paris, der ›Hauptstadt der Moderne‹, modifizieren.

Jede Übersetzung kann so nur ansatzweise die Fülle von Anspielungen, Bezügen und Mehrdeutigkeiten der teils mehrsprachigen Gedichte mit ihren vielen unübersetzbaren Eigennamen erhellen: Auch diese vermeintlich beiläufig geschriebenen Verse müssen eigentlich jeweils als Schrift- und Klanggebilde gelesen werden, damit das virtuose Spiel mit Buchstaben und Lauten annähernd erfasst werden kann. Das beschriebene und beschriftete Objekt verlangt zudem je eigene Aufmerksamkeit, zumal dort, wo die Verse auf Dingen deren spezifische Materialität benennen und selbstreflexiv kommentieren. Im gemeinsamen Versuch, das typische Silbenmaß des Vierzeilers Mallarmés und dessen charakteristische Reimstruktur nachzuahmen, zeigen sich die kollaborativ erarbeiteten deutschen Fassungen hier in mindestens fünf verschiedenen Perspektiven.

Die Übersetzungen stehen hier als PDF-Datei zum Download zur Verfügung.